Anmut und Angeberei – die Renaissance der Kochshows - a podcast by ZEIT ONLINE

from 2020-07-20T09:41:06

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"Hmmm!" und "lecker!" – so hieß es früher beim Fernsehkoch Alfred Biolek, der mit hochgezogenen Augenbrauen und Weinglas in der Hand in dampfende Töpfe schaute und völlig schambefreit mit Brühwürfeln und Ketchup-Flaschen hantierte. Es folgte die Zeit der Studioküchen mit Johannes B. Kerner, später mit Markus Lanz, bei denen alle Zutaten zurechtgeschnitten in kleinen Schüsselchen bereitlagen.

Heute hat sich die Welt der Kochshows dagegen stark ausdifferenziert: Ein regelrechtes Universum an Sendungen auf Netflix und YouTube ist entstanden, ein Megatrend rund um das perfekte Verarbeiten von Lebensmitteln. Was sagt diese neue Obsession mit dem Kochen über unsere Gegenwart aus? Warum beneiden wir Zuschauer eine zahnlose alte Indonesierin um ihren Süßigkeitenstand auf den Straßen von Java? Und ist die Begeisterungsfähigkeit eines französischen Starkochs für seine eigenen Kreationen und die Anmut seiner Handgriffe auf Dauer nicht doch etwas nervig?

Immer geht es dabei um eine Lebensform und das Zelebrieren von Individualität: Sinnlichkeit als Distinktionsmerkmal. Sie ist ein Antidot zur Digitalisierung. Sie verbindet den Menschen wieder mit der Elementarität der Natur, und wenn sich die Proteine des T-Bone-Steaks unter der Einwirkung von Hitze in Röstaromen verwandeln, kehrt der Mensch zurück zur Urszene der Anthropogenese: Denn Mensch wurde der Homo sapiens erst, als er lernte, seine Nahrung zu kochen: Ab diesem Moment war er nicht mehr, wie die anderen Primaten, den halben Tag mit Kauen beschäftigt. Seine Kiefermuskeln konnten sich zurückbilden und gaben Raum frei für mehr Hirnmasse.

Nina Pauer und Ijoma Mangold analysieren die neuen Kochshows und ihren Lifestyle.

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